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Sekiguchi Daisoke und Dieter Hammer (Photo: Michaela Kruckerer)
Erstes internationales Komei Juku, Muso Jikiden Eishin Ryu Iaijutsu und Ryoen Naginatajutsu Seminar am Nihon Budokan in Katsuura, Japan vom 11. – 26. September 2006

Teilnehmer aus 10 Ländern, Nihon Budokan Katsuura September 2006
Viele internationale Schüler von Sekiguchi-Soke und Shimizu Soke haben September 2006 mit großer Spannung erwartet. Knapp 40 Teilnehmer aus Australien, Österreich, Neuseeland, Frankreich, Deutschland, Polen, der Tschechischen Republik, Kuba, Südkorea, der Schweiz und Japan haben am ersten internationalen Seminar der Yamanouchi-Linie der Muso Jikiden Eishin Ryu Iaijutsu und der Ryoen Naginatajutsu unter der Leitung von Sekiguchi Takaaki-Soke und Shimizu Nobuko-Soke am Nihon Budokan Trainingszentrum in Katsuura, Japan, teilgenommen.
Anlass für dieses Seminar war der 60. Geburtstag von Sekiguchi-Soke, in diesem Jahr ein gemeinsames Seminar mit Shimizu-Soke in Japan abzuhalten.
Shimizu-Soke stellte neue Formen ihrer neu gegründeten Ryoen Naginatajutsu Stilrichtung vor, die parallel zum Iiajutsu trainiert wurden.
Das tägliche Training fing bereits um 5.00h morgens an und endete mit kurzen Unterbrechungen für Frühstück, Mittag- und Abendessen und wenig Freizeit gegen 21.30h. Man hatte dann gerade noch Zeit, um kurz vor dem Zapfenstreich um 22.00h in das heiße japanische Bad zu hüpfen und danach fertig auf dem dünnen Futon einzuschlafen.
Viele Teilnehmer trainieren schon sehr lange mit Sekiguchi-Soke. Das Training war deshalb auch speziell darauf hin ausgerichtet, ein tieferes Verständnis für die Grundtechniken zu vermitteln und die Techniken in ihrem historischen Kontext und Hintergrund darzustellen. Auf der Grundlage der Grundtechniken wurden viele Variationen vorgestellt und eingeübt. Das gleiche galt für Kumitachi, bestehend aus Nanahon-Kata und Tsume-Ai. Es war sehr interessant zu sehen, welche Möglichkeiten sich durch Variationen und Kombinationen verschiedener Techniken ergeben.
Der Hintergrund hierfür war es, den Teilnehmern ein Gefühl für den ganzheitlichen Ansatz und ein tieferes Verständnis für die Beziehung zwischen den tradierten und unveränderten Grundtechniken (Kihon-Waza) zu den kampfmäßigen Anwendungen der Variationen (Henka-Waza) der von Sekiguchi gelehrten Schwertkunst zu vermitteln. Die Henka-Waza unterscheiden sich von den Kihon-Waza durch die Einführung weiterer Hiebe und Stiche, sowie der Aneinanderreihung und Kombination verschiedener Grundkata. Die Bewegungen und Hiebe gehen über das der Grundkata hinaus, ebenso spielen Finten und Taktik eine größere Rolle. Die Henka-Waza zielen darauf ab, ein Rüstzeug für den realen Schwertkampf zu liefern. Viele Iaidoka sehen heute nur die Kihon-Katas und verstehen nicht den Zusammenhang zwischen formalisierter Grundtechnik und ihrer freien Anwendung im Kampf, weil ihre Lehrer niemals in den Genuss gekommen sind, die darauf aufbauenden Variationen für die Kampfanwendung zu lernen. In der Tat ist dieses Wissen heute selbst in Japan weitestgehend verloren gegangen. Während des Seminars hatte Sekiguchi-Soke viele Gelegenheiten genutzt, um die taktische Anwendung des japanischen Schwerts und auch dessen Grenzen aufzuzeigen. An einer Verteidigungssituation gegen drei Angreifer wurde untersucht, welche Kontermöglichkeiten und Chancen sich ergeben können, wenn die drei Angreifer unterschiedliche Angriffstellungen einnehmen und sich dem Verteidiger unaufhaltsam nähern und zuschlagen. Als Ergebnis konnte man sehen, das dies sehr schwierig ist und der Verteidiger meistens von mindestens einem Angreifer getroffen wird. In einer echten Kampfsituation wäre es schwer, unverwundet davon zu kommen.
Laut Sekiguchi-Soke erreicht man kein höheres Trainingsniveau, wenn man immer nur in sicheren Situationen und mit sicheren Waffen übt. Man soll sich dessen bewusst sein und dies beim Training mit dem Bokken oder Iaito im Hinterkopf haben und Trainingswaffen mit demselben Respekt behandeln, wie eine scharfe Klinge.
Das Ausprobieren und Üben der Henka-Waza war sehr interessant und haben die Grundtechniken als ein neues grundlegendes Bezugsystem für das weiterführende Training erscheinen lassen. Es leuchtet ein, weshalb soviel Wert auf das minutiöse Nachahmen der Grundformen gelegt wird. Nicht nur, damit die Basis des Stils unverändert weitergegeben wird, sondern auch, weil in der Formalisierung, die Grundlage für die freie Anwendung gelegt wird. Während die Variationen studiert wurden, konnte nachempfunden werden, weshalb es so wichtig ist, den Soke in seinen physischen und mentalen Aktionen in der Ausübung der kata zu spiegeln.
Die Kihon-Kata können als Extrakt und Analyse von Kampfsituationen durch die Schwertmeister der Vergangenheit gesehen werden, die wir heute als das traditionelle Fundament des Stils wiederfinden. Es ist ein glücklicher Umstand, dass Sekiguchi-Soke das alte Wissen durch seine Vorgänger vermittelt bekommen hat und dieses mit seinen internationalen Schülern teilt, damit das Wissen um die Zusammenhänge um den Umgang mit dem japanischen Schwert nicht verloren gehen und für die Zukunft erhalten bleiben.
Das Seminar wurde im Ursprungsland des Muso Jikiden Eishin Ryu Iaijutsu abgehalten, um die teilnehmenden Sensei mit einem tieferen Verständnis der Techniken und neuen Ideen auszustatten, um das Erfahrene und Gelernte in ihren Heimatländern weiter zu geben. Man konnte sehen, wie viele Teilnehmer während des Seminars Fortschritte in ihren Bemühungen um das Meistern des Iaijutsu und auch in persönlicher Hinsicht machen konnten. Es ist dennoch ein langer Weg zu gehen!
Während seiner Geburtstagsfeierlichkeiten hat Sekiguchi-Soke die Bildung von Frieden und Freundschaft zwischen Einzelnen und Nationen als wichtigste Ziele der Persönlichkeitsentwicklung innerhalb seines Iaijutsutrainings hervorgehoben. Sekiguchi-Soke´s internationale Trainingsarbeit liefert hierzu einen erfahrbaren Beitrag. Es mag paradox klingen, dass ausgerechnet der kriegerische Geist des Bushido ein Mittel darstellt, Freundschaften zu bilden und Frieden zu propagieren. Eine der Lektionen, welche die Samurai der Vergangenheit gelernt haben, ist, dass der leichtfertige Gebrauch des Schwertes schnell dazu führen kann, selbst verwundet oder getötet zu werden. Es ist eine bessere Strategie und Zeichen von Reife, Stärke sowie Kontrolle der Situation nicht leichtfertig das Schwert zu ziehen, sondern anders zu siegen.
Am Ende seiner Geburtstagsgala demonstrierte Sekiguchi-Soke eine Katsujinken-Kata aus einer sitzenden Position heraus. Er beendete die Übung, ohne das Schwert gezogen zu haben.

Sekiguchi-Soke bei der Demonstration der Katsujinken-Kata anlässlich der Budogala in Katsuura zu seinem 60. Geburtstag
(c) Dieter Hammer 2006
Weietre Artikel zum 1. Isshin Seminar in Katsuura:
Dr. Michael Vollkron, 2006 hier
Seminar im Budokan Wels, August 2006

Nach dem Lehrgang im neuen Budokan in Wels im August 2006.
r. Sekiguchi Komei Soke l. Dieter Hammer
Ein englischsprachiger Artikel über das Seminar ist zu finden unter: www.katsujinken--ya.com/12.html
Interview mit Dieter Hammer über Japanische Schwerter und Schwertkampf, August 2005
Herr Hammer, seit wann beschäftigen Sie sich mit japanischen Schwertern?
Ich fand japanische Schwerter schon als Kind faszinierend. Im Kindergarten hat uns unsere Kindergärtnerin von den japanischen Samurai erzählt. So mit 9 oder 10 Jahren habe ich einen Samuraicomic in die Hände bekommen, in dem das Katana als etwas sehr besonderes dargestellt wurde. Von da an hab ich mich für Samurai, Zen, Bushido und natürlich japanische Schwerter interessiert und mich in die Materie eingelesen.
Samuraikomics?
Nein, natürlich nicht. Ich denke da eher an Herrigel, Deshimaru, Yumoto, Kammer und andere. Es gab in den 80ern nicht so viel in deutscher Übersetzung. Heute ist das anders. Es gibt einige brauchbare Seiten im Internet als historisch verlässliche Quellen und durch das verstärkte Interesse britischer und amerikanischer Sammler und Kampfsportler steigt auch die Zahl niveauvoller angelsächsischer Literatur zu dem Themenkreis.
Ist es bei der theoretischen Auseinandersetzung geblieben oder haben Sie sich auch praktisch mit dem Samuraischwert auseinandergesetzt?
Irgendwann hatte ich ein Buch über Kendo gekauft. Schulfreunde und ich haben uns dann aus dem Gärtnerladen Bambusstangen besorgt, aus Zeitschriften und Klebeband Rüstungen gebaut und Samurai gespielt. Ich weiss nicht, aber es scheint so als würde das Schwert allgemein ein archetypisches Muster ansprechen. Es ist dabei egal, ob es sich um Ritter, Samurai oder - von mir aus - Jedi handelt. Jungs fahren halt drauf ab! Mit 15 wollten ein Freund und ich dann endlich mit Kendo anfangen. Ich hatte beim japanischen Konsulat angerufen und man konnte mir tatsächlich einen Verein in München empfehlen.
Was trainieren Sie heute?
Ich habe Kendo ziemlich lange betrieben und zwischenzeitlich immer mal in die Iai-Ecke geschaut. Früher wurde in Deutschland im wesentlichen Setei-Iai im Rahmen von Kendo angeboten. Die traditionellen Koryu waren sogut wie nicht bekannt oder vertreten. 2001 bin ich auf Erwin Steinhauser in Österreich gestoßen. Er betreibt seit über einem Jahrzehnt Musu Jikiden Eishin Ryu Jaijutsu und läd regelmäßig den 21 Soke der Yamanouchi Ha Sekiguchi Takaaki für Wochenlehrgänge nach Österrereich ein. Mittlerweile kümmert sich Sekiguchi Soke um mehrere Dojos in Europa und ich trainiere so oft ich kann mit. 2004 hatte ich nach einem Dojo im Münchner Raum Ausschau gehalten und habe die Shinkendo Gruppe des PSV München entdeckt. Shinkendo ist eine klasse Ergänzung zu Kendo und Iaijutsu.
Trainiert man Kendo mit dem scharfen Schwert?
Nein. Beim Kendo benutzt man einen speziellen Bambusstock und trägt eine Rüstung. Sie müssen sich das ähnlich wie beim europäischen Sportfechten vorstellen.
Wird überhaupt mit dem scharfen Schwert trainiert?
Einige Schulen tun das. Allerdings nicht immer und bei jedem Training. Das hat einerseits juristische Gründe und andererseits ist es einfach zu gefährlich. Ich rate generell jedem, der sich für das Training mit einem echten Katana interessiert, dies nicht ohne den Erwerb entsprechender Kenntnisse innerhalb eines Vereins mit entsprechend ausgebildeten Lehrern zu betreiben. Schwerter sind keine Spielzeuge! Um auf Ihre Frage zurückzukommen. In Japan verlangen einzelne Iai-Schulen, dass die Übungsformen ab einem entsprechenden Grad mit dem Katana durchgeführt werden. Wobei man unbedingt ein scharfes Schwert benötigt, sind Schnittests (Tameshigiri). Dabei werden Distanzgefühl, korrekte Ausrichtung der Klinge beim Schlag, innere Ruhe und verschiedene andere Faktoren, die für das Weiterkommen in der Technik und darüber hinaus wichtig sind, geübt.
Wie wird trainiert, wenn nicht mit dem Katana trainiert wird?
Dafür gibt es Iaitos. Das sind meist in Japan hergestellte Übungsschwerter, die den echten Samuraischwertern in Gewicht und Form, sowie in der Montur nachempfunden sind. Der Unterschied zu den Echten Schwertern ist im wesentlichen die stumpfe Klinge aus einem Legierungsmaterial. Es gibt auch Schulen, die vorrangig mit Bokken, also Holzschwertern - trainieren. Es gibt auch seit einiger Zeit Bokken mit Plastiksaya die gerne für Kata und Kumitachi Übungsformen benutzt werden.
Sie hatten von Tameshigiri gesprochen. Wie funktioniert das?
Tameshigiri hat historische Wurzeln in der Samuraigeschichte und ist damals, wie heute eine Übungsform zum Testen von Schwertern und zum testen der eigenen Schwerttechnik und Präzision im Umgang mit dem scharfen Schwert. Es gibt in den einzelnen Schwertschulen unterschiedliche Rituale und Techniken. Abgesehen von diesen Unterschieden werden sog. Tatami Omote Matten gerollt und in Wasser eingeweicht. Man steckt sie auf einen speziellen Ständer und schneidet festgelegte Schnitte oder Schnittfolgen. Kesagiri, Kesagiri-Kiriage, etc. Das ist vergleichbar mit Sportschießen auf Scheiben.
Braucht man für Tameshigiri unbedingt ein echtes japanisches Katana?
Wenn Sie die Technik beherrschen, können Sie auch mit einem Küchenmesser Tatamiomotematten durchschneiden. Es gibt seit einigen Jahren Hersteller außerhalb Japans, die versuchen, Tameshigiritaugliche Nachbildungen japanischer Schwerter herzustellen. Meistens kommen diese Klingen aus China oder den Phillippinen. Man kann mit einigen dieser Schwerter ganz gut schneiden. Die Monturen sind oft, im Vergleich mit den japanischen Originalen, schlampig verarbeitet oder unpassend designed und wenig funktional. Ich finde in der Regel immer irgendetwas, was mich ziemlich stört. Am schlimmsten sind Schwerter mit überdimensional langen Griffen! Über die Klingen lasse ich mich erst gar nicht aus. Es wäre sicher gut, hier entsprechende Produkte bekommen zu können. Die ultima ratio ist sicher ein echtes japanisches Katana. Das ist aber eine Preisfrage. Abgesehen davon hat niemand gesagt, dass Iaijutsu etc. ein Billigsport ist! Wenn Sie mal vergleichen, was Sportschützen für ihre Pistolen oder Gewehre ausgeben, sind Katana oft noch recht preiswert.
Eignet sich jedes japanische Schwert für Iaido oder Tameshigiri?
Hie muß einmal ganz klar zwischen zwei wesentlich wichtigen Punkten unterschieden werden. Es gibt historische Klingen, die zwar Gebrauchstauglich sind, aber definitiv als Kunst und Kulturerbe für die kommenden Generationen erhalten bleiben sollten. Solche Waffen sind meiner Meinung für Tameshigiri Tabu. Aufgrund der Preise stellt sich diese Frage meist eh nicht. Abgesehen davon, werden heute Shinsakuto hergestellt, die unseren Anforderungen in Form, Gewicht, Balance, Länge etc. besser gerecht werden als viele historische Klingen. Man muß hier wiederum nicht notwendig mit den Klingen aktueller Topschmiede herumspielen. Es gibt Alternativen, die für den Kampfsportler besser geeignet sind.
Hatten Sie schon viele Japanschwerter in der Hand?
Ich hatte Gelegenheit, viele echte japanische Klingen zu begutachten. Anfang der 90er Jahre habe ich bei einem der internationalen Londoner Auktionshäuser studiert und keine Gelegenheit ausgelassen, die eingelieferten Schwerter vor den Auktionen zu begutachten. Damals betrieb ich noch Kendo und habe erst sehr viel später durch das Training mit Meistern, die echte klassische oder moderne Schwerttechniken lehren ein - sicher noch ausbaufähiges - Bezugsystem dafür bekommen, worauf es ankommt.
Gibt es in den diversen Schulen Techniken für unterschiedliche Schwerter?
Wie Sie vielleicht wissen, gab es im alten Japan hunderte von historischen Schwertschulen. Davon sind heute nur wenige in Reinform überliefert, da sie meist während der Meijirestauration in Japan verloren gegangen sind oder nach dem Zweiten Weltkrieg in "entschärfter" Do-Form geübt werden. Das Wissen über die Faktoren hinsichtlich der Gebrauchstüchtigkeit von Schwertern ist leider auch in Japan zeitweise weitgehend verloren gegangen. Da es heute meist vereinheitlichte und vermischte Schwertformen gibt, ist das Schwert und sein Gebrauchswert in den Hintergrund geraten. Seit einiger Zeit gibt es wieeder eine Renaissance des Schwertes und Fragen hinsichtlich des Gebrauchsnutzens für Iaido oder Tameshigiri werden vermehrt gestellt und der Dialog zwischen Schmied und Kampfsportler intensiviert. Das ist lange noch nicht allgemein so, aber das Interesse steigt. Man kann vielleicht festhalten, dass es Koryu wie die Yamanouchi-Ha der Eishin Linie, deren Techniken speziell auf den Gebrauch langer und teils schwerer Schwerter ausgerichtet sind. Die Techniken wurzeln in den Techniken der "kämüpfenden Truppe" unter den Tosa Samurai, die trotz der Vereinheitlichung der Klingenlänge auf 69 cm der Shinto Schwerter mit weitaus längeren Waffen gekämpft hatten . Andere Schulen haben spezielle Techniken für kürzere Schwerter entwickelt. Miamoto Musashi erwähnt den Vorteil kürzerer Klingen in seinem Buch der Fünf Ringe. Vor und während des Zweiten Weltkrieges waren die von den japanischen Offizieren geführten Klingen mit durchschnittlich 67 cm Nagasa einigermaßen kurz, aber sehr einsatztauglich. Die kurze Länge des Schwertes wird in den Techniken, die an der Toyama Militärakademie entwickelt und gelehrt wurden, widergespiegelt. Sekiguchi Takaaki hat mir eimal in einem Gespräch erklärt, dass kürzere Klingen besser für den Kampf waren, für das Iaitraining werden meist längere Klingen zur "Gymnastik" verwendet. Das hängt aber von der einzelnen Schule ab. Nichts ist da absolut sondern jeweils dem Zweck entsprechend optimal! Aufgrund der dynamischen Eigenschaften des japanischen Schwertes wird heute eine Klingenlänge von ca. 72,4 cm als optimal angesehen. Es gibt natürlich längere und kürzere. Das hängt von Schule, Geschmack, persönlichen Vorlieben oder einfach davon ab, was man bekommen kann. Alleine über Klingen, deren Geometrie, etc. könnte hier noch viel mehr ausgeführt werden. Ganz zu schweigen, von Monturen.
Trainieren Sie mit einem echten japanischen Katana?
Ja! Ich habe auch lange gesucht, bis ich für mich ein gutes Schwert gefungen hatte. Es ist einfach etwas anderes, mit einem Katana zu üben, als mit einem Substitut. Das Üben wird auf den Schlag anders. Vor allem konzentrierter, und die Technik muß stimmen. Nichts desto Trotz, wird im Dojo mit dem Bokken, Bokken-Saya oder Iaito geübt.
Wir haben jetzt viel über das Japanische Schwert in den Kampfkünsten gesprochen. Welchen Wert hat das Japanische Schwert als Kunstwerk? Kann man bei einer Waffe überhaupt von einem Kunstwerk sprechen?
Sie sprechen einen wichtigen Aspekt an. Wenn wir in der Geschichte zurück gehen, so wurden Schwerter in Japan immer als etwas Heiliges betrachtet. Die Shinto Sonnengöttin Amaterasu hat ihrem Sohn, dem japanischen Kaiser, neben dem Spiegel und Juwelen, das Schwert als Insignie seiner göttlichen Herkunft und Macht, sowie Verantwortung mitgegeben. Das Schwert ist somit - in unseren Kategorien gesprochen - ein Shintoheiligtum und viele alte Schwerter haben heute, wie in der Vergangenheit den Status, unantastbarer Kulturgüter. Um das Schwert und dessen Gebrauch ranken sich Mythen, aber auch eine Reihe bedeutender und einflussreicher Traktate theoretischer, wie praktischer Moral und Ethik. Das Zerimoniell im Umgang mit dem japanischen Schwert und die Prinzipien des Bushido spiegeln sich auch heute noch in der japanischen Etikette wieder. Zumindest in konservativen Kreisen. Mit dem japanischen Schwert ist sowohl ein ehtisches, als auch ein difiziles ästhetisches Konzept verbunden, das seinen Wert über den, der bloßen Waffe, weit hinaus in den der Kunst transzendiert. In der Vergangenheit und Heute werden Schwertschmiede in Japan als Künstler angesehen. Manchmal geht es mit dem Kunstanspruch in den Bereich des Manierismus, aber es hat auch in anderen Kunstsegmenten unterschiedliche Stilepochen gegeben. Die Synthese von zweckrationaler Waffe und wertrationalem Kunstwerk stellen, meiner Meinung, das Optimum japanischer Schwertschmiedekunst dar. Das L´art Pour L´art in weiten Srtecken der europäischen Kunst, ohne Zweckgebundenheit des Kunstwerks, gilt für das japanische Schwert nicht, da die Realisierung zweckrationaler Potentialität - nicht zuletzt im Hinblick auf das Eingangs genannte Schwert zur Bewehrung der Reichsordnung - mit zum ästetischen Prinzip gehört. Es mag vielleicht im modernen Japan unter den Schwertschmieden nicht mehr so sakral zugehen, wie beispielsweise bei dem Großartigen Schmied Gassan Sadakatsu, der noch während des Zweiten Weltkrieges qualitativ pure und phantastische Schwerter für den Kaiserhof und Ranghohe Offiziere geschmiedet hatte. Heute verstehen sich die Schmiede in Japan, schon alleine, aufgrund der strengen staatlichen Auflagen, als Künstler und die junge Generation ist in einem Stadium zwischen Konservativismus und Progressivität begriffen. Fortschritt kann aber auch heißen: wieder hin zum ursprünglichen Prinzip. Ich bin gespannt, welche Tendenzen sich in den nächsten Jahren in Japan abzeichnen werden. Interessant wird auch sein, in wiefern die Nachfrage von außerhalb Japans auf Japan einen Einfluß haben wird. Wird es mehr die Waffe oder das Kunstwerk sein?
Welchen Wert hat der japanische Schwertkampf für uns heute?
Nun, man kann vielleicht behaupten, das ist ein Relikt aus alter Zeit. Ritterliche Werte und vor Allem Kampftechniken mit den Waffen aus den Zeiten, von Sir Gawain oder Walter von der Vogelweide sind uns zu weit entfernt und deren richtiger Gebrauch und Ausbildungskonzepte längst verloren gegangen. Leider ist das so. Insbesondere aus dem Osten Europas erfahren die Wurzeln unserer "Schwertvergangenheit" eine Widergeburt, ähnlich einzelner Tendenzen im neunzehnten Jahrhundert als Renaissance alter Werte oder dessen, was man dafür gehalten hat. Der Vorteil des Japanischen Schwertkampfes ist, dass sich bis heute, mehr im Sinne einzelner alter Schulen, Philosophien und technischen Wissens über wenige Meister durchgehalten hat, als das bei uns der Fall ist. Auch ist in Japan beklagenwerter Weise zu beobachten, dass gerade die konservativen Koryu mit ihrer straffen Disziplin, umfangreichen und zeitaufwendigen Kurricula, unter den bequem gewordenen jungen Japanern, immer weniger Zuspruch finden und zwischenzeitlich mehr Begeisterung und Nachwuchs in Europa, den USA und Latein-Amerika rektutiert wird, als in Japan, wo man dem Wettkampfsport heute mehr abgewinnt. Indem wir japanische Schwertkunst studieren, sind wir sicher ein Stück weit auf der Suche nach verschollen gegangenen eigenen Wurzeln. Das gilt auch für alle Japaner, die so denken und vielleicht ist dies der Grund dafür, weshalb das gemeinsame Training auf internationaler Basis so gut funktioniert. Wir sind gar nicht so weit voneinander entfernt. Ich habe zu Anfang schon von der quasi archetypischen Bedeutung des Schwertes in unserer Kultur gesprochen, was sicher für viele Kulturen gilt. Indem man sich als Euopäer auf den Japanischen Schwertkampf einlässt, gewinnt man ein Stück eigener, verloren gegangener Identität zurück und erhält zudem den Reichtum an dem, was uns aus der japanischen Tradition überliefert wird. Es ist nicht pathetisch, wenn man den japanischen Schwertkampf in seinen vielfätigen Ausprägungen als ein schützenswertes Weltkulturerbe betrachtet. Der Umgang, insbesondere mit der scharfen Waffe, diszipliniert notwendig und legt im Training und Umgang mit anderen bei der Ausübung des Trainings Normen der Sicherheit und Etikette auf. Man kann Schwertkampf nicht trainieren, ohne voll konzentriert und bei der Sache zu sein und auf seine Partner Rücksicht zu nehmen. Das ist bei vielen modernen Betätigungen nicht der Fall, und wenn man nicht aufpasst, kann es auch ziemlich weh tun! Die Kunst und damit auch der Wert bei den Kampfkünsten ist es, Techniken zu entwickeln und zu trainieren, dass es eben aufgrund disziplinierten Trainings nicht weh tut. Wer die Schwertkünste trainiert wird merken, dass er auch im normalen alltäglichen Umgang mit anderen stärker, disziplinierter, umsichtiger ist und ein höheres Maß an sozialer Kompetenz an den Tag legt. Sehr schön hat dieses Thema Yagyu Munenori, einer der bedeutendsten Schwertmeister Japans, in seinem Werk "Katsujinken" dem "Lebenspendenden Schwert" aus dem siebzehnten Jahrhundert ausgeführt. Das totbringende Schwert erfährt eine Wandlung hin zum "Lebenspendenden Schwert". Das heutige Training mit dem Schwert ist von diesem Geist beseelt und erzieht zum positiven Umgang miteinander.
Was bringt uns diesbezüglich weiter Iai-Do oder Iai-Jutsu?
Iaido ist eine Entwicklung des zwanzigsten Jahrhunderts. Die alten kampfmäßigen Kenjutsu Techniken wurden um ihren martialischen Gehalt - teils aus politischen Gründen - reduziert, ich habe schon Leute in diesem Zusammenhang von einem ästhetischen Tanz sprechen gehört. Es gibt heute beide Richtungen, wobei das Iaido meines Wissens zahlenmäßig überwiegt. Viele Freunde des nichtkämpferischen Iaidos berufen sich auf die Prinzipien des Katsujinken. Das hat sicher auch seine Berechtigung. Ich kenne einige Leute, die das Trainieren mit einer scharfen Waffe oder Tameshigiri radikal ablehnen. Das ist auch o.k. so und durchaus stringent und ernsthaft. Für mich sind beide Ausprägungen wichtig und Seiten einer Medaillie. Die Mischung aus beidem macht´s. Iaijutsu ist sicher physich anstrengender und verlangt ein höheres Maß an Disziplin und Konzentration. Besonders bei Partnerübungen. Ich kann mir gut vorstellen, dass man nach langem Training in der Lage ist, auf der Basis des Iaijutsu, ein sublimiertes Iaido mit von Außen fühlbarer, enormer, innerer Stärke und ausdrucksstarker Technik auszuführen. Das gelingt aber sicher nicht am ersten Trainingstag und der Lehrer muß entsprechende Erfahrungen gemacht haben, um den Schüler entsprechend zu leiten und aufzubauen. Wer Gelegenheit hat und sich nicht beschwatzen lässt, sollte zumindest eine Sache für einige Jahre durchziehen und bei Gelegenheit über den Tellerrand schauen. Das ist so, wie beim Reiten.
Herr Hammer, wir danken für das Gespräch
© Katsujinken-Ya by Dieter Hammer 2005